Seit Jahren erwarten Apple-Fans die Keynote-Termine. Seit Jahren die Spannung, ob es ein „one more thing“ gibt. Und nein, das gab es Mitte September bei der Vorstellung der Apple Watch 4 und des neuesten iPhones leider (wieder) nicht. Zum einen sehen wir aktuell ohnehin mehr evolutionäre Entwicklungen, als diese eine Innovation, die uns den Atem stocken lässt, zum anderen werden die meisten Geräte-Visuals und Features mittlerweile schon vor den Events geleakt.

Also, gar kein Mega-Highlight? Jeder hat da sicherlich einen anderen Blick darauf. Mein persönlicher Höhepunkt war vor allem folgende Entwicklung: Apple wird mit der Apple Watch immer mehr zur Gesundheitsmarke. Die alte Weisheit „An Apple a day keeps the doctor away” bekommt damit eine ganz neue Bedeutung. Zwar ist Apple immer noch eine Lifestyle-Marke, aber der eigentliche Kern der Marke ist es, die täglichen Aufgaben und damit das Leben der Kunden zu vereinfachen oder zu erleichtern. Und dieses Grundversprechen wird nun auf das nächste Level gehoben mit einer Infrastruktur für sport- und gesundheitsbewusste Menschen, die auch im echten Notfall auf Apple zählen können.

Entscheidend für diese Entwicklung sind aus meiner Sicht die folgenden drei neuen Funktionen der Apple Watch 4:

  • Apple hat neue Elektroden und Herzfrequenzmesser verbaut, sodass mit Hilfe der Apple Watch nun EKGs durchgeführt werden können. Das ist ein echter Meilenstein und eine enorme Unterstützung für Herz-Kreislaufpatienten. Wo vorher für EKGs unhandliche Apparaturen eingesetzt werden mussten, erledigt das jetzt – dem Konzern nach zuverlässig – die Watch. Und damit man auch über jeden Zweifel erhaben ist, attestiert die „US Food and Drug Administration“ die professionelle Funktionsfähigkeit. Nicht nur, dass damit das Messen im akuten Fall vereinfacht wird, dieses „Apple Gesundheitssystem“ überwacht damit auf Wunsch rund um die Uhr die körpereigenen Systeme und schlägt Alarm, lange bevor die Person selbst Anzeichen, wie zum Beispiel Vorhofflimmern, erkennen kann. Die Erkennungsrate liegt einer Studie zufolge bei 97 Prozent. Damit können defacto Menschenleben gerettet werden. In Europa wird diese Funktion allerdings vorerst nicht verfügbar sein, hier müssen sicher noch einige Gesundheits- und Datenschutz-Gremien Brief und Siegel abgeben.
  • Sie haben gar keine Herz-Kreislaufprobleme, fahren aber riskant Ski oder neigen einfach zum Stolpern? Auch für diesen Fall hält Apple ein Feature bereit. Im Falle eines Sturzes wird ein automatischer Alarm ausgelöst, sofern man diese Funktion nicht innerhalb von einer Minute selbst deaktiviert. Dabei können auch Messdaten und Koordinaten an Rettungsstellen übermittelt werden.
  • Und sogar Diabetes-Patienten sollen mit „One Drop“ zukünftig am Handgelenk eine Blutzuckermessgerät-App nutzen können. Soweit das Versprechen.

Wie schafft es Apple nun, den Schritt von der reinen Lifestyle- zur Gesundheitsmarke zu vollziehen? Während andere einfach nur von einer Quantify-Yourself-Bewegung sprechen, und damit eher Nerds adressieren, verfolgt Apple den Plan, sich damit bei den Markenfreunden unentbehrlich zu machen.

Elementar hierfür ist Vertrauen. Vertrauen darin, dass die persönlichsten und intimsten Informationen absolut sicher sind. Und auch hier ist Apple (bislang zumindest) über jeden Zweifel erhaben. Oder wie Fast Company nach der letzten Keynote titelte: “Forget the new iPhones: Apple’s best product is now privacy”.

Und in diesem Punkt unterscheidet sich Apple von vielen anderen Digital-Giganten nicht erst seit der letzten Keynote. Schon in den letzten Jahren hat Apple sich im Umgang mit ihren – nein, besser unseren – Daten durch die absolute Abschottung aller persönlichen Daten der Nutzer und Schutz vor externem Zugriff hervorgetan – selbst wenn mal das FBI persönlich anfragt. Was sie durch diese konsequente Haltung erreicht haben, ist ein großes Maß an Vertrauen der Kunden. Und damit die wohl beste Basis dafür, auch in einem Mega-Markt der Gesundheitsprodukte der Zukunft ordentlich mitmischen zu können.

Der vertrauensvolle Umgang von Apple mit unseren Daten führt dazu, dass für die heute 30- bis 40-jährigen Fans, die übermorgen die gealterten Heavy-User dieser Angebote sind und über Jahr hinweg konditioniert wurden, sich ein Leben im Alter ohne Apple-Produkte gar nicht mehr vorstellen können. Strategisches Kalkül? Nein, sowas würden Apple-Jünger ihrer Love Brand niemals unterstellen. Doch schlau wäre diese Weitsichtigkeit allemal.

Stephan Enders, Head of Plan.Net Innovation Studio und – zugegeben – ein echter Apple-Fanboy

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