Florian Stemmler

Team Leader Corporate Communications, Serviceplan Group

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Wo bleiben eigentlich die Apps für Android-Smartphones?! Rund 200.000 Smartphones mit dem Betriebssystem von Google werden laut Aussage dessen Vorstands Eric Schmidt inzwischen täglich verkauft. Im zweiten Quartal 2010 waren es insgesamt rund 63 Millionen Geräte, die einen neuen Besitzer gefunden haben. Damit lag der Marktanteil von Android bei 17 Prozent – ein Zuwachs von mehr als 800 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das iPhone haben die Android-Telefone schon abgehängt und bis 2015 wird der Plattform ein Marktanteil von bis zu 50 Prozent prognostiziert; wohingegen Apple, RIM und Nokia Anteile verlieren könnten werden.

800 Prozent! Da möchte man doch meinen, dass sich im Android Market ordentlich etwas tut? Dass nicht nur Hobbyprogrammierer, sondern auch Unternehmen und vor allem Verlagshäuser, die doch über Auflageneinbrüche klagen, unter Hochdruck eine Menge Applikationen entwickeln oder entwickeln lassen, die auf die junge Plattform und ihre junge Zielgruppe zugeschnitten sind? Mit denen sich Geld verdienen lässt! Bislang: Fehlanzeige. Meistens zumindest…

Was allerdings tagtäglich in die digitale Welt hinein geboren und in Sondernewslettern präsentiert wird, sind Apps fürs iPhone und das iPad. Ob sinnvoll oder nicht, nützlich oder nicht, ob qualitativ hochwertig oder nur als „auch-haben-wollen“-Schnellschuss: Apple hat sie gepackt, alle wollen ran an die iPhone/iPad-Zielgruppe! Denn wer sich ein Apple-Gerät samt teurem Vertrag leisten kann, der hat einer aberwitzigen Studie zufolge angeblich nicht nur mehr Sex, sondern ist auch Paid Content gegenüber aufgeschlossener als andere – hat also folglich bestimmt auch am meisten Geld für Bezahl-Inhalte übrig. Sicher, dass das tatsächlich so ist…?

Der Spiegel hat relativ früh seine iPhone-App eingeführt und jüngst eine „grafische Schlachtplatte“ fürs iPad an den Start gebracht. Bei Axel Springer gab’s gleich einen ganzen „iKiosk„. Die Zeit hat jüngst drei Apps auf einen Streich gestartet; Bunte, Focus, die Süddeutsche Zeitung, FTD, Handelsblatt oder neulich auch die W&V – alle sind sie mit iPhone Anwendungen ausgestattet. Und Android? Ja… Immerhin der Stern bietet eine App für Android-Telefone an; eine für Bild solle es in Zukunft geben – wann, ist allerdings nicht bekannt.

Unsere Spezialagentur Plan.Net Mobile programmiert täglich solche Apps – warum also nicht dort nachfragen? Geschäftsleiter Florian Gmeinwieser versteht ebenfalls nicht, weshalb so viele Brands und Verlage die derzeitige Chance des Android Markets an sich vorbeiziehen lassen: Der Market sei nicht so kontrolliert wie bei Apple – mit einer guten App hätte man reelle Chancen, schnell und dauerhaft in die Top-Downloads zu kommen und somit auch Standards zu setzen. Bei Apple müsse man zunächst die Hürde der Apple-‚Moralwächter‘ überwinden und stehe dann einem mehr an Apps gegenüber. Dennoch würden wohl immer noch viele Menschen von der Strahlkraft des Apfels geblendet, so Gmeinwieser.

Also: Da könnte… da dürfte… – nein, da müsste sich angesichts der voraussichtlichen Entwicklung deutlich mehr tun!

Denn Alternativen auf Android-Smartphones (und demnächst folglich auch auf Android-Tablets) sind Mangelware. Natürlich gibt es mobile Internetportale der jeweiligen Angebote – aber einerseits enthalten sie nicht immer die Inhalte der Printausgabe, die nach wie vor als „Referenz“ gesehen werden (denn dafür wird bezahlt). Andererseits fehlen auch Standards wie etwa einheitliche Adressen (faz.mobi, aber mobil.welt.de und m.spiegel.de) oder zuverlässig funktionierende Browserweichen. Großformatige PDFs von Zeitungen oder Magazinen auf dem Smartphone-Display? Zoomen, schieben – zoomen, schieben? Nein danke, ein PDF gehört auf einen ordentlichen Monitor. Das ePub-Format ist mit seinen dynamischen Seitenumbrüchen und flexiblen Schriftgrößen schon viel eher geeignet und hat sich für eBooks auf Android bereits etabliert – einzig es fehlt noch an Verbreitung bei den Verlagen!

Und vor allem: Die Preise müssen fair gestaltet sein; Stichwort Buchpreisbindung. Solange PDFs, ePubs oder die gelieferten Inhalte der App nicht einen deutlichen Mehrwert bieten – und damit ist nicht gemeint, dass die App eben anstatt eines gedruckten Bildes vier in einer Slideshow zeigt! – ist derselbe oder teils sogar höhere Preis nicht gerechtfertigt. Und ganz ehrlich: Man will doch gar nicht immer die zusätzliche Inhalte, Videolinks, Fotogalerien und sonstigen Schnickschnack (also zumeist jener angepriesene „Mehrwert“), sondern wäre schon sehr zufrieden, die Inhalte des (Print-)Produktes einfach ordentlich auf dem Display sehen zu können. Wenn man dann sogar noch ein bisschen Geld sparen kann beim Kauf der digitalen Ausgabe und im besten Fall auch nicht mit Kopierschutzmaßnahmen gegängelt wird – warum nicht? Und nur weil ein „App-Abo“ oder ein vergleichbares Angebot etwas günstiger wäre, als die Ausgabe am Kiosk, würde nicht alle Welt plötzlich auf die digitalen Ausgaben wechseln. Denn ein Tablet oder Smartphone kostet auch mehrere Hundert Euro…

Die Musikbranche hat lange gehadert, bevor sie sich einem günstigeren Vertrieb im Netz geöffnet hat – wie lange wollen die Verlage noch warten…?

Im Übrigen: Wenn Sie empört feststellen, dass es sehr wohl eine Android-App Ihres Lieblingsangebotes gibt, die hier angesichts des digitalen Dickichts links und rechts dieses Blogs nicht erwähnt wurde (oder die es inzwischen gibt!): Immer her damit!