Das Internet differenziert die Medien

Jürgen Kaube, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, spricht im Interview über Qualitätsjournalismus, Medienkompetenz und darüber, was eine gute Zeitung ausmacht.

Herr Kaube, die Informationsflut im Internet stellt Mediennutzer und auch -macher vor Herausforderungen – nämlich diese zu filtern, verständlich aufzubereiten, Nachrichten von Falschmeldungen zu trennen. Woran erkenne ich heute eigentlich noch die Wahrheit?

Das kann man im Prinzip nur fallweise entscheiden. Es gibt Gebiete, in denen die Wissenschaft die erste Adresse ist. Mit dem Nachteil, dass sie eben nicht immer leicht zu verstehen ist. Was die Medien angeht, ist die Wahrheit ein sehr großer Begriff. Ich würde zum Beispiel vermuten, wenn mehrere Zeitungen oder vielleicht auch Fernsehanstalten und Rundfunksender zu einem bestimmten Thema etwas berichten und in einer ähnlichen Richtung, dann ist das ein Anhaltspunkt, dass es wohl auch so ist. Im Grunde geht es darum, dass man dem Überbringer einer Nachricht glaubt, weil er objektiv und neutral ist. Oder weil es zumindest so scheint.

Gilt die Zweitmeinung heute also auch für Nachrichten?

Grundsätzlich ja. Wichtig ist, zweite Meinungen einzuholen, kritisch mit sich und der Welt zu sein und sich mit Ereignissen differenziert auseinanderzusetzen. Man wird leider oft nicht die Zeit haben, selbst herauszufinden, ob ein bestimmtes Ereignis irgendwo in der Welt stattgefunden hat. Deshalb muss man sich auf Lektüre verlassen – und dafür verschiedene Quellen nutzen. Oft sind es ja auch eher Einschätzungen, Details oder einzelne Zahlen, die verifiziert werden müssen. Jemand behauptet etwa, auf einer Demonstration waren 50.000 Teilnehmer zugegen. Die Polizei sagt aber, es waren nur 20.000. Dann kann man überlegen, ob das eine Rolle spielt. Sind 50.000 nun übertrieben, oder ist das schon gelogen? Denn das ist ja nicht dasselbe.

Können Sie diesen Gedanken weiter ausführen?

Zwischen Wahrheit und Lüge gibt es noch eine ganze Bandbreite von Zwischenstufen. Zum Beispiel kann es ein Irrtum sein, ein fahrlässiger oder aber auch ein nachvollziehbarer. Es wird einfach etwas abgeschrieben, das an anderer Stelle stand, vielleicht auch aus Bequemlichkeit, oder es wird intentional erfunden. Das sind ja alles verschiedene Graustufen. Und das würde ich über alle Medien und alle Beobachter hinweg homogen sehen. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass es Blogger im Netz besser oder auch schlechter wissen als der Redakteur einer Zeitung oder ein Nachrichtensprecher. Eines gilt medienübergreifend – und auch im Privatleben: Wenn mir jemand etwas sagt, den ich nicht kenne, muss ich überlegen, warum ich es glauben sollte.

Sauber recherchierte Fakten, wahrheitsgemäß aufbereitet – die Definition von Qualitätsjournalismus ist eigentlich klar. Muss man das noch besonders herausstellen?

Generell wird eine Kommunikation nicht dadurch besser, dass man erklärt, wie ernst man es meint. Da geschieht eher das Gegenteil. Ich glaube, Vertrauen kann man nicht mit einem einzelnen Text oder mit einer einzelnen Zeitungsausgabe gewinnen, sondern nur mit einer kontinuierlichen Leistung. Mit dem Einhalten eines gewissen Standards. Was nicht heißt, dass es nicht mal einen Text gibt, bei dem man im Nachhinein sagt: Den hätten wir vielleicht nicht bringen sollen. Das ist nicht anders als bei jedem Bäcker. Der backt auch mal eine Torte, die ihm nicht so gelungen ist. Aber deshalb kann man nicht sofort den gesamten Berufsstand verteufeln. Vertrauen hat auch viel mit Beobachtung zu tun. Je länger ich ein Medium verfolge, desto besser kann ich verifizieren, wie verlässlich es ist.

Die Medien stehen heute mehr und mehr im Spannungsfeld zwischen klassischem Journalismus und digitaler Realtime-Information. Wie wird sich diese Entwicklung fortsetzen?

Wenn ich wissen will, wie mein Fußballverein in der ersten Pokalrunde abgeschnitten hat, dann gehe ich natürlich auf einen Informationsdienst im Internet. Das ist nichts, womit die Zeitung brillieren könnte, obwohl sie inzwischen auch Liveticker hat. Dieses Nachrichtenagenturhafte, „in Nordkorea fliegt eine Rakete“ – das war nie die eigentliche Stärke einer Zeitung. Dennoch hat man das früher auch abgedeckt. Diese Verschiebung hin zu Online hat sicherlich Folgen. Man muss sich natürlich fragen, was man stattdessen bringt. Das ist zweifellos eine der vielen Wirkungen des Internets: Es differenziert die Medien. Was gehört wohin, und wer soll eigentlich was machen?

Wie würden Sie in diesem Zusammenhang den Begriff News definieren?

Bei vielen Realtime News könnte man zu Recht fragen, wo eigentlich der praktische Nutzen liegt, unmittelbar informiert zu werden. Zum Beispiel, wenn Herr Lindner auf Mallorca die Flüchtlingspolitik kommentiert. Ein eigentlicher Zeitdruck existiert bei solchen Themen nicht. Bei Kriegen in unmittelbarer Nähe, bei relevanten lokalen Themen, aber auch beim Wetter ist das etwas anderes. Die Frage ist auch, wie schnell und wie stetig etwas aktualisiert werden muss.

Was würden Sie sagen – welche sind die Stärken der Tageszeitung?

Dinge zu recherchieren und zu schreiben, die man nicht erwartet. Den Leser zu überraschen. Und manchmal auch sich selbst. Auf eine verständliche Art das zu tun, was in den Wissenschaften viel langsamer und schwerer verständlich passiert. Hier ist der Begriff „gedankenanregend“ für mich zentral. Das lässt sich auf alle Themen übertragen: Brexit, Dieselskandal, dioxinbelastete Hühnereier, Fußballvereine. Gedankenanregende Texte sind die Stärken einer Zeitung.

Reflexion also …

Der Journalismus hat eine große Chance, wenn er die Welt nicht verdoppelt. Obwohl das jetzt auch arg philosophisch klingt. Im Grunde geht es darum, dass der Journalismus nicht alles, was es schon gibt, einfach wiedergibt. Interessant ist immer der Artikel, der das Unerwartete liefert. Dann ist eine Zeitung gut. Auch das Radio besitzt diese Stärken. Und natürlich kann so etwas ebenso im Internet geschehen. Auch wenn Blogger oft unterschätzen, dass die Organisationsgröße bereits einen Unterschied macht. Aus einer Struktur heraus, wie sie eine Zeitung besitzt, kann ich ganz anderen Journalismus betreiben, da ich dem Leser eine Vielfalt bieten kann, die er so komprimiert sonst nirgends bekommt. Und die er selbst nicht durch eigene

Recherchen erschließen konnte.

Hierfür würde ja ohnehin die Zeit fehlen, oder?

Richtig. Vor allem auch wegen der Fülle der Informationen. Wir hatten kürzlich eine Leserbriefschreiberin, die meinte: „So, jetzt gehe ich ins Internet und stelle meine eigene Zeitung zusammen. Da bin ich viel besser informiert.“ Das würde aber bedeuten, dass sie dann einige Stunden ihres Tages damit verbringen muss, Sachverhalte zu recherchieren, zu verifizieren, verständlich aufzubereiten. Was ist denn jetzt gerade in Nordkorea los? Oder in England? Es gibt ja auch Themen, da stellt man sich nicht mal eben schnell im Netz zusammen, worum es geht. Das wäre etwa so, als würde man sagen, ich gehe jetzt nicht mehr einkaufen, sondern baue alles selbst an.

Verfolgen wir die These weiter, die Medien würden ihren Job nicht gut machen …

Ich verstehe gar nicht, woher das in dieser Ausprägung überhaupt kommt. Wer macht den Job denn stattdessen? Die Leute selbst? Warum sollte das irgendwer besser machen als diejenigen, die dafür ausgebildet wurden? Es ist gut und richtig, dass es Medien gibt – egal, ob Zeitung, Radio, Fernsehen oder auch reine Online-Medien. Hierdurch erhält man die Gelegenheit, sich kritisch mit seiner eigenen Realität auseinanderzusetzen. 90 % der Welt würden sich uns gar nicht erschließen, wenn wir uns tagtäglich nur zwischen der eigenen Wohnung, der Arbeitsstätte oder dem Supermarkt bewegten. Wir wüssten nicht, was gerade beispielsweise in den Vereinigten Staaten oder in Brüssel passiert. Selbstverständlich sind solche Dinge notgedrungen rein medienvermittelt. Aber wie anders?

Vertraut man heute dem Kommentar eines Facebook-Freundes mehr als einem Hintergrundbericht in der Tagesschau?

Ist das nicht eine gewaltige Naivität, die dahintersteckt? Mein Facebook-Freund hat das gesagt – also glaube ich das. Natürlich gibt es Lebensprobleme, da frage ich meine Frau oder einen Freund. Aber es gibt doch viele Dinge, da wüsste ich, dass das gar nichts bringt. Kennen Sie diese Foren im Netz, da stellen Sie eine Frage – beispielsweise „Wie schließe ich eine Kamera an den Scanner an?“. Dann warten Sie eine Minute und bekommen Antworten. Aber sollte ich das auch bei weltpolitischen, wirtschaftlichen oder sozialen Fragestellungen tun? Gegenüber dem ZDF, um nicht nur die Zeitungen anzuführen, sind die Leute plötzlich misstrauisch. Aber wenn ihnen jemand im Internet rät, ein Leiden mit Sauerampfer zu behandeln, sind sie es nicht? Das finde ich kurios.

Läuft am Ende alles auf das Thema Medienkompetenz hinaus?

Ja, und darauf, ob ich in der Lage bin, Informationen zu überdenken, mir eine differenzierte Meinung zu bilden, mich kritisch auseinanderzusetzen. Bei jeder Mediennutzung – ob digital oder analog – ist ein unfassbar hoher Anteil an Eigenleistung erforderlich. Es hat keinen Sinn, Bücher, Zeitungen oder einen Blog zu lesen, wenn ich selbst nicht denke und vergleiche.

Illustrationen: Dorothea Pluta

Jürgen Kaube

Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Der Schwabe Jürgen Kaube ist durch und durch ein Mann des Feuilletons. Er studierte Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte, dann als romantische Ergänzung Wirtschaftswissenschaften an der Freien Universität Berlin. Durch Niklas Luhmann entdeckte der Volkswirt die Soziologie – und blieb dabei. Ab 1992 konnte man Beiträge von Jürgen Kaube regelmäßig im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung lesen. 1999 trat er – zunächst als Berliner Korrespondent – in die Redaktion ein und wechselte im Jahr darauf nach Frankfurt. Seit dem 1. Januar 2015 ist der Träger des Ludwig-Börne-Preises 2015 Herausgeber der F.A.Z. Seine Überzeugung in Sachen Qualitätsjournalismus: „Ohne Geld und ohne Zeit kann kein guter Journalismus entstehen.“ 2017 erschien Jürgen Kaubes Buch „Die Anfänge von allem“ über die Entstehung der menschlichen Kultur. Kaube ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Beim Innovationstag 2017 diskutierte Jürgen Kaube mit GEO-Chefredakteur Dr. Christoph Kucklick und mit Sebastian Matthes, dem künftigen Stellvertreter des Chefredakteurs und Head of Digital beim Handelsblatt, leidenschaftlich über Qualitätsjournalismus im digitalen Zeitalter.

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