Beiträge

Apps

Jeder der sich in den Anfängen von Snapchat um das Jahr 2011 auf der Plattform registriert hat, erinnert sich heute entweder nicht mehr an seinen Benutzernamen oder schämt sich für den damaligen kreativen Ausbruch bei der Erstellung jenes Nutzernamens. Was viele nicht wissen: Seit Anfang 2022 ist es möglich, die schmerzhaften Erinnerungen an das vielleicht gerade pubertierende Selbst loszulassen und den Nutzernamen nachträglich zu ändern. Dieses Update könnte also auch die „alten Hasen“ wieder in die Snapchat-Community locken.

Ob die Nutzerzahlen sich tatsächlich positiv verändert haben, welche Zielgruppe auf Snapchat zu finden sind und was heute werbetechnisch auf Snapchat noch alles so möglich ist, erläutere ich in diesem Artikel.

When your mom adds you on Snapchat.

Aktive User – Deutschland

Laut der aktuellsten best-for-planning-Studie aus dem Jahr 2022 gibt es in Deutschland ca. 14,15 Mio. aktive Snapchat User:innen, mit stagnierender Tendenz. Mit 53 % weisen die Frauen einen etwas höheren Anteil auf, als die Männer. Das Durchschnittsalter liegt mit 32,4 Jahren deutlich unter dem Altersdurchschnitt der Grundgesamtheit von 49,2 Jahren, woraus sich ableiten lässt, dass Snapchat weiterhin eine Plattform der jüngeren Menschen ist. Die Altersgruppe von 14-29 Jahren macht demnach bereits 53 % der Nutzer aus.

Entwicklung der Plattform weltweit

Betrachtet man die Entwicklung der Plattform weltweit, so konnte die Plattform vom 1. Quartal 2014 bis zum 4. Quartal 2022 stark wachsen und von 46 Millionen auf 375 Millionen tägliche Nutzer:innen steigen. Vergleicht man nur Quartal 1 (332 Mio.) und Quartal 4 (375 Mio.) von 2022, konnte Snapchat ein Nutzerwachstum von 43 Millionen täglichen Nutzer:innen verzeichnen, was die Plattform in Sachen Wachstum vor Facebook und Twitter stellt. Europa leistet neben Nordamerika und dem Rest der Welt den geringsten Anstieg der täglichen Nutzerschaft von 14 Millionen im 1. Quartal 2014 auf insgesamt 92 Millionen im letzten Quartal von 2022. In 2022 konnte Snapchat in Europa nur einen Anstieg von 8 Millionen verzeichnen, welcher aber in 2022 höher lag als in den USA. Das stärkste Nutzerwachstum konnte Snapchat aber beim Rest der Welt generieren: 33 Millionen außerhalb der USA und Europa.

Grafik 1: Tägliche Nutzerschaft 2022 in Europa im Vergleich zu Weltweit in Millionen

Nutzung der Funktionen der Plattform

Snapchat Spotlight

Ende November 2020 wurde der neue Feed Snapchat Spotlight eingeführt, bereits zwei Monate später verwendeten 100 Mio. Menschen die neue Content-Quelle. Bereits nach einem Quartal konnte diese Zahl um ca. 49 % gesteigert werden.
Auch die Aktivität in Spotlight ist hoch, was an den monetären Anreizen für Creator liegen dürfte. Da die Entlohnung für Spotlight-Inhalte nicht gerade niedrig ausfällt, erhält Snapchat durchschnittlich über 1 Mio. Einreichungen für Spotlight.
Zudem beschäftigen sich Nutzer:innen lange mit dem Konsum des Inhalts, was vor allem an der angestiegenen Verweildauer um 55 % zu erkennen ist.

Beispiele für Snapchat Spotlight

Snap Map

Ein weiteres Kernelement von Snapchat ist die Snap Map. Sie wird von mehr als 300 Mio. Menschen mindestens 1x pro Monat aufgerufen. Sie konnte im Vergleich zu 2021 ein Wachstum von 50 Mio. neuen Nutzer:innen verzeichnen. Zusätzlich können bereits über 30 Mio. Unternehmen auf der Snap Map entdeckt werden.

Beispiele für Snap Map

Snapchat Discover Shows & exklusive Shows

Publisher produzieren hier kreative Formate für Snapchat, dabei kann der Inhalt relevant, inspirierend, unterhaltsam oder einfach nur informativ sein. Snapchat hat kommuniziert, dass mittlerweile über 60 Shows bis zu 10 Mio. Zuschauer pro Monat haben. Sechs Partner sind im ersten Quartal 2022 sogar auf eine Reichweite von über 100 Mio. Snapchat Nutzer:innen gekommen.

Snap Kamera inkl. AR-Lenses

Mit der Snapkamera, der bekanntesten und wichtigsten Funktion, werden täglich rund 5 Milliarden Snaps verschickt. Dabei werden 20 % aller Snaps mit sog. Community Lenses versendet. Diese Lenses werden von der Community erstellt, denn: Die Community weiß in der Regel am besten, was der Community gefällt. Bereits 250 Mio. Snapchat Nutzer:innen interagieren mit Snapchat Lenses sowie den AR-Effekten. Diese Interaktion erfolgt über 6 Milliarden mal pro Tag.

Was sagt uns das?

Die Zahlen zeigen, dass mit Snapchat vermehrt die jüngeren Generationen erreicht werden können sowie, dass die Plattform aufgrund ihres starken Wachstums keinesfalls „hinten runter fallen“ sollte.
Unter den verschiedenen Funktionen sind vor allem die Lenses sowie die AR-Technologie sehr relevant und absolut zukunftsträchtig, da die Plattform dadurch mit Leichtigkeit beim Trendthema Metaverse mithalten kann.

Sehr interessant für Werbetreibende aus dem Retail-Bereich ist die Verwendung dieser AR-Technologie zur Anzeigengestaltung, da hier beispielsweise in AR an jedem beliebigen Ort anzeigen lassen oder Produkte live anprobiert werden können. So interagieren Interessierte direkt mit der Marke und können sich mit den Produkten vertraut machen, so wie ich es am Beispiel von Zalando getan habe.

Aktueller AR-Einsatz von Zalando

In der Serie „Dreimal aufgeschlaut“ erklären Experten der Plan.Net Gruppe regelmäßig ein aktuelles Thema der digitalen Welt aus unterschiedlichen Perspektiven. Was bedeutet es für die Oma, was für den Agentur-Kollegen? Und was hat der Kunde, also ein Unternehmen, davon?

An was werden wir uns erinnern, wenn wir in einigen Jahren auf das Internet Ende der 2010er Jahre zurückblicken? Recht weit vorne dürfte Snapchat stehen. Die schrullige Messaging App mit dem knuffigen Geist, der Nutzerfreundlichkeit einer durchschnittlichen SAP-Installation und den innovativen Augmented-Reality Lenses, die Millionen Erwachsene davon überzeugt haben, dass Selfies mit Hunde- und Katzengesichtern auch für Mittzwanziger sozial akzeptabel sind.

Das wahre Vermächtnis von Snapchat wird aber die Erfindung der Story-Funktion sein. Stories, die Aneinanderreihungen von Fotos und kurzen Videoschnipseln mit lustigen Stickern, Ortsangaben oder Zeichnungen, haben einen unvergleichlichen Siegeszug im Web angetreten. Stories sind inzwischen selbstverständliche Features auf Facebook und Instagram und auch Google hat YouTube und inzwischen sogar der Websuche ein Stories-Feature spendiert.

Omas Geschichten aus dem Urlaub: Die digitale Diashow

Für die Anwender sind Stories, zum Beispiel auf Facebook oder Instagram, eine hervorragende Möglichkeit Alltagserlebnisse auf kreative Weise mit Familie, Freunden und Bekannten zu teilen. Statt der Postkarte und dem obligatorischen Dia-Abend im Anschluss kann meine Oma schon direkt aus dem Urlaub ihre Eindrücke ins Web posten. Stories werden nach 24 Stunden automatisch gelöscht. Für Momentaufnahmen, die man länger mit seinen Followern teilen möchte sind die sogenannten „Moments“, die es erlauben Stories langfristig auf dem eigene Profil zu speichern, eine schöne Funktion..

Auch kreativ hat man viele Möglichkeiten. Durch die einfache Verbindung von Videos, Fotos, Stickern, Zeichnungen und Musik können auch technisch unbedarfte User in kurzer Zeit ansehnlichen Content erstellen und mit ihrem Netzwerk teilen.

Spannend ist Googles Story-Integration in den Suchergebnissen. Die Standardisierung des Formats als Weiterentwicklung des Accelerated Mobile Pages (AMP) Projekts ermöglicht Usern schnellen und einfachen Zugang zu News-Stories und visuellen Inhalten zu ihrem gewünschten Suchbegriff oder Thema.

Stories als Mediaumfeld: Grenzenloses Bewegtbildinventar

Neben Snapchat, Instagram und YouTube stellt nun auch Facebook nach einer mehrmonatigen Testphase das komplette Stories-Inventar als Werbeumfeld für Bewegtbild zur Verfügung. Die Spots werden zwischen den einzelnen Story-Elementen oder zwischen zwei verschiedenen Stories geschalten. Man sollte sich von der potentiell hohen Reichweite aber nicht blenden lassen, das Werbeumfeld ist aus mehreren Gründen nur bedingt vergleichbar mit anderen InStream-Platzierungen wie Sender-Mediatheken oder dem klassischen YouTube.

         

Stories sind ein klares Mobile-Format, der Content wird vertikal genutzt. Deshalb ist es nicht sinnvoll, klassische TV-Spots im 16:9 Format als Unterbrecher-Werbung einzusetzen. Auch die Nutzungssituation unterliegt mobilen Spielregeln: unterwegs in Wartesituationen, mit hohem Ablenkungspotential und nicht zwingend mit Kopfhörern. Ads für den Story-Feed sollten deshalb unbedingt an diese Gegebenheiten angepasst werden, hierbei gelten die gleichen Regeln wie bei Social Feeds generell. Untertitel, kurz gehalten(lieber 5 statt 15 Sekunden) und  mit offensichtlichem Absender auf den Punkt gebracht, statt langatmig erzählten Geschichten mit Spannungsbogen und Auflösung am Schluss. Zum werblichen Impact von Ads in Stories gibt es leider noch nicht viele Untersuchungen, die Wirkung dürfte aber am ehesten mit Ads im Facebook Newsfeed vergleichbar sein.

Marken-Stories: Das perfekte Experimentierfeld

Stories auf Instagram, Facebook und anderen Social-Plattformen sind ein hervorragendes Experimentierfeld für Markenkommunikation. Die kreativen Möglichkeiten sind vielfältig, von Werbespots im Story-Format (wie z.B. für den neuen BMW 8er) über Behind the Scenes Videos von Events (wie z.B. Media Markt auf der Gamescom) zu Q&A-Formaten oder Abstimmungen – Stories ermöglichen es Unternehmen, ihren Marken-Content im Stil der jeweiligen Plattform zu inszenieren und sich organisch in das Content-Erlebnis der Nutzer einzufügen.

Ein paar Grundregeln sollte man trotzdem beachten. Offensichtlich, aber trotzdem oft übersehen: Haben die Inhalte keine Relevanz, springen die Nutzer schnell ab. Hohe Schlagzahl beim Szenenwechsel und generell kurz gehaltene Stories passen besser in die Nutzungssituation auf dem Smartphone und dass man nicht anfangen sollte, seine 16:9 TV Assets in einem Vertical Videoformat zu recyclen, versteht sich eigentlich von selbst. Hält man sich an diese Regeln, erzielen Stories auch gute Ergebnisse: Eine von Facebook beauftragte Befragung von knapp 10.000 regelmäßigen Nutzern von Stories auf Instagram in UK, den USA, Brasilien und Indonesien ergab, dass bei 39 Prozent der Nutzer durch Kontakt zu Marken und Produkten in Stories das Marken-/Produkt-Interesse gesteigert werden konnte.

Und für die Hüter der heiligen Branding CI-Vorgaben vielleicht auch noch eine beruhigende Nachricht: Die gleiche Untersuchung hat ergeben, dass die Nutzer von Stories authentische, verspielte und ungefilterte Eindrücke erwarten. Man muss als Marke also auch nicht den gleichen Perfektionismus an die Kreation an den Tag legen, wie in der Print-Anzeige im Nachrichtenmagazin.

Über den Autor: Alex Turtschan ist seit Kindheitstagen Nerd aus Leidenschaft und beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren in der Serviceplan-Gruppe mit Konsumenten-, Markt- und Technologie-Trends und deren Auswirkungen auf das digitale Marketing. Aktuell als Director Digital Strategy bei Plan.Net Media.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei lead-digital.de.

Wie heißt es doch so schön: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Vermutlich war dieses Sprichwort nie zutreffender als in der heutigen Zeit. Es ist nicht sonderlich überraschend, dass die Menschen heutzutage weniger über Textnachrichten miteinander kommunizieren, sondern vielmehr über Bilder in mobilen Nachrichten-Apps und insbesondere Social-Media-Plattformen.

Urheber dieses Trends in den sozialen Medien war vor einigen Jahren vielleicht Instagram, doch es war Snapchat, das als erstes Unternehmen in den Bereich der persönlichen Nachrichten vordrang und andere Plattformen folgten schließlich diesem Beispiel. Mittlerweile ist digitales Bildmaterial mehr als nur eine Form der Präsentation und Dokumentation unseres Lebens. Vielmehr nutzen wir anstelle von Text aktiv Bilder zur Kommunikation. Snapchat bestimmte diesen Trend in den letzten drei Jahren maßgeblich und konnte die Zahl seiner täglich aktiven Nutzer auf über 160 Millionen verdreifachen. Facebook wollte dabei natürlich nicht abseits stehen und übernahm nahezu alle Funktionen für Bildnachrichten, die sich durch Snapchat verbreitet hatten, auf all seinen vier Plattformen Instagram, WhatsApp, Messenger und Facebook.

Während verschiedenste Einstellungen für Portraitbilder und einfache Bildbearbeitung mittlerweile Standard in den Social-Messaging-Kanälen geworden sind, versuchen beide Plattformen, sich künftig verstärkt in Richtung „Augmented Reality“ zu bewegen. Nutzer sollen so die Möglichkeit haben, in ihrer realen Umgebung aktiv und in Echtzeit digitale Elemente zu platzieren. Man kann sich dies so ähnlich wie bei Pokemon Go vorstellen, allerdings mit weitaus mehr Möglichkeiten mit der Umwelt zu interagieren und auf sie zu reagieren. Snapchat beschreibt dies als „Malen der Welt durch 3D-Erlebnisse“.

Snapchat mag diesen Trend beschleunigt haben, doch Facebook scheint ein noch höheres Innovationstempo anzuschlagen. Kürzlich stellte Mark Zuckerberg im Rahmen der „F8“, der jährlichen Entwicklerkonferenz von Facebook, zahlreiche neue Effekte für 3D-Kameras vor. Er unterstrich, dass ein verstärktes Augenmerk auf der Schaffung einer „Kameraplattform“ liegen wird. Diese Plattform soll nicht nur zum Aufnehmen von Bildern, sondern auch als Kommunikationsmittel dienen. Er erklärte sogar, dass die Kamera künftig in allen Facebook-Apps eine zentralere Funktion als die Texteingabefelder bekommen soll.

Für Facebook erschließt sich dadurch eine Möglichkeit, vollständig in der „realen“ Welt anzukommen und zur Schnittstelle zwischen Smartphone und Umgebung des Nutzers zu werden. In einem Gespräch mit BuzzFeed News führte Zuckerberg diesen Ansatz weiter aus und stellte fest, dass sich bei Facebook sehr viel darum drehe, die reale Welt mit der Onlinewelt zu verknüpfen. Weiterhin erklärte der Facebook-Gründer, dass das Nutzererlebnis verbessert und unser Leben bereichert würde, wenn es gelingt, die digitalen und physischen Aspekte unserer Welt miteinander zu vereinen.

Bei einer Demonstration der neuen 3D-Kameraeffekte richtete ein Facebook-Entwickler sein Smartphone auf den Tisch und ein 3D-Propellerflugzeug erschien auf dem Bildschirm, das um eine Wasserflasche auf der Tischplatte flog. Ein anderer benutzte die Kamera seines Smartphones, um den Raum in ein Planetarium zu verwandeln, das Planeten und Sterne an die Decke projizierte. Bei einer weiteren Vorführung wurde ein gewöhnliches Portraitfoto aufgenommen und der Gesichtsausdruck nachträglich zunächst in ein Lächeln und anschließend in ein Stirnrunzeln verändert.
Facebook zeigte außerdem verschiedene 3D-Szenen, die vollständig aus einer Reihe von 2D-Fotos erstellt wurden. Die Bildtiefe der Szenen ermöglichte es den Zuschauern, durch Drehen des Kopfs hinter das Bett in einem Raum zu blicken oder um einen Baum in einem Wald herumzuschauen. Nutzer konnten das Licht im Foto eines Raums dimmen, diesen unter Wasser setzen oder sogar ein digitales Objekt im Raum platzieren, das für andere Betrachter auch später noch zu sehen war.

Letztendlich geht es um die Idee, die reale Welt in eine Erweiterung von Facebook zu verwandeln. Während Zuckerberg Beispiele anführte, die Kamera von Facebook zu nutzen, um zum Beispiel digitale Kunst an einer Wand anzusehen oder ein auf eine Tischplatte projiziertes digitales Spiel zu spielen, wird die eigentliche Absicht doch ersichtlich: Elemente, die normalerweise im eigenen Feed angezeigt werden, können in die reale Welt gezogen werden. Dies gilt ebenso für Inhalte von Freunden und Familie und letztlich sicher auch für Werbeanzeigen. Da dem traditionellen Newsfeed von Facebook im Gegensatz zu den Nachrichten-Apps weniger Beachtung geschenkt wird, könnte das eine Möglichkeit sein, die Relevanz dieser Art von Content auch künftig zu sichern und gleichzeitig das Geschäft mit Werbeanzeigen zu erweitern.

Was bedeutet dies jedoch für die Marken, wenn die Konsumenten in einer erweiterten Realität leben, ständig mit ihrer Umgebung interagieren und diese visuell manipulieren? Und was geschieht wenn wir alle 24 Stunden am Tag AR-Brillen oder -Kontaktlinsen tragen? Unweigerlich kommt dabei das Bild einer dem Film „Minority Report“ ähnlichen Welt auf, in der uns die Werbeanzeigen quasi auf Schritt und Tritt verfolgen. Sicherlich muss es aber auch einen anderen Weg geben. Wir werden wohl einfach abwarten müssen, was passiert.

Dieser Beitrag wurde auch bei HORIZONT Online veröffentlicht.

Niemand möchte das Schicksal von Kodak erleiden. Das Unternehmen galt in seiner Branche als unangefochtener Marktführer, verpasste es dann aber, auf der Höhe neuer Entwicklungen zu bleiben. Kodak gilt als Paradebeispiel dafür, wie man als Unternehmen nicht agieren sollte. Und während sich auch heute noch viele Firmen beharrlich weigern, Konzepte zu entwickeln, um nicht eines Tages ebenfalls auf dem Abstellgleis zu landen, haben sich viele das Scheitern von Kodak zu Herzen genommen.

So etwa auch Instagram: Als Vine bei den Social Media immer mehr Marktanteile gewann, hielt Instagram mit einer eigenen Video-Funktion dagegen. Und da nun Snapchat mit täglich schätzungsweise 100 Mio. Nutzern, von denen 65 % aktiv Inhalte posten, den Höhepunkt seiner Beliebtheit erreicht, bietet Instagram mit Instagram Stories ein Feature an, das sich an der Hauptfunktion des Konkurrenten orientiert.

Auf den ersten Blick ist das natürlich fraglos eine sinnvolle Antwort. Der Umsatz einer kostenlosen Social-Media-App ist von den Möglichkeiten abhängig, den Nutzern möglichst viele Werbeanzeigen zu präsentieren. Dies erfordert natürlich eine regelmäßige Nutzung der App. Es gilt alle Hindernisse für eine Interaktion mit dem Programm zu beseitigen. Laut Kevin Systrom, Mitbegründer und CEO von Instagram, wurde dem Instagram-Feed mit einer gewissen respektvollen Zurückhaltung begegnet, was einer regelmäßigen aktiven Nutzung entgegenstand. Dies führte zum so genannten Finstagram-Trend. Viele Nutzer – vor allem junge Frauen – legten Zweitaccount an, über die sie Inhalte regelmäßiger und weniger auf Präsentation bedacht mit einem engeren Kreis teilen.

Instagram Stories wurde also ins Leben gerufen, weil Systrom und sein Team einige ungeschriebene Regeln umgehen mussten, die die Nutzer von regelmäßigen Posts abhielten. Mit einer Funktion, die sich so stark an der Ungezwungenheit von Snapchat orientiert, können Nutzer laut Systrom

„… ihrer Kreativität in diesem neuen Format freien Lauf lassen. Wenn es bei Instagram darum geht, Höhepunkte ins perfekte Licht zu rücken, füllen wir mit diesem Angebot nun die vorhandene Lücke. Alle Augenblicke sollen eingefangen werden, nicht nur die besten.“

Doch genau das könnte problematisch werden. Einerseits wird so dem Problem der sinkenden Zahlen durchschnittlicher Posts pro Nutzer begegnet, andererseits könnte die Lösung dieses Problems auf Kosten von dem gehen, was die Attraktivität von Instagram vor allem ausmacht. Die Beliebtheit der App gründet darauf, dass man dort schöne, perfekt komponierte Bilder von kreativen professionellen wie auch Hobby-Nutzern findet. Dank zahlreicher Filter kann sich mithilfe dieser App jeder Smartphonebesitzer als Künstler, Fotograf oder Model fühlen – oder dazu werden. Die App inspiriert in besonderem Maße zu künstlerischen Ambitionen.

Stories könnte jedoch der Anfang vom Ende werden, auch wenn es sich nur um ein Feature der App handelt. Es könnte der Punkt sein, ab dem über Instagram nur noch beständig banale Inhalte verbreitet werden. Die Kernnutzer von Instagram könnten sich daher auf lange Sicht von der Plattform abwenden.

Aber das sind alles nur Vermutungen. Zu erwähnen ist hierbei, dass es natürlich nicht zum ersten Mal grundlegende Veränderungen an den Funktionen des Produkts gibt. Anfangs hieß die Anwendung Burbn und diente vor allem als Location-Check-In-App. Aber nach längerer Beobachtung des Nutzungsverhaltens bemerkte das Erfinder-Team etwas Interessantes: Es wurde weniger die Check-In-Funktion als vielmehr die Funktion zum Teilen von Fotos genutzt. Daraus entwickelte sich schließlich Instagram, wie wir es heute kennen. So gesehen bleibt man sich bei Instagram durch die jüngste Neuausrichtung treu.

Schließlich sind Nutzer auch wankelmütig, und so werden heute noch beliebte Social-Media-Apps möglicherweise schon wenig später mit Missachtung gestraft und sorgen nur noch für gleichgültiges Achselzucken. So fristet beispielsweise Bebo schon seit langem ein vergessenes Dasein in der Anonymität des Internet, ein Schicksal, das auch Myspace ereilte, weil das Potenzial der Musikfunktionen der Plattform trotz der Unterstützung von Superstar Justin Timberlake nicht genutzt werden konnte. Sogar die beiden Säulen moderner Social Media bleiben von dieser Entwicklung nicht verschont: Facebook laufen Berichten zufolge die jungen Nutzer davon und der Wachstumsstopp von Twitter löst Panik bei den Investoren aus. Und viele der neuen Akteure wie Ello und Medium haben mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich eine einfache Frage: Ist es besser, sich anzupassen, um möglichst viele Nutzer zu erreichen? Oder sollte man sich lieber darauf konzentrieren, das weiterzuentwickeln, was einen überhaupt erst erfolgreich gemacht hat?

Leider kenne ich auch die Antwort nicht. Wir werden wohl abwarten müssen, wie diese Geschichte ausgeht.

Dieser Artikel wurde auch als Gastbeitrag bei W&V veröffentlicht.

Sechs Milliarden Video-Views pro Tag, drei Mal so viele wie noch vor sechs Monaten – und das mit 100 Millionen täglich aktiven Nutzer weltweit, 1,6 Millionen davon in Deutschland. Mit diesen Zahlen sorgt Snapchat derzeit für Aufsehen. Denn die Foto- und Video-Messaging-App gehört zu den am schnellsten wachsenden Social-Web-Angeboten des Jahres und wird damit auch für Marketing-Verantwortliche immer spannender.
Zum Vergleich: Facebook erreicht mit circa acht Milliarden Video-Views am Tag etwas mehr Abrufe als Snapchat, benötigt dafür aber mehr als eine Milliarde täglich aktive Nutzer. Als View zählt bei Snapchat wie auch bei Facebook schon alleine der Aufruf eines Videos.
Und diese hohe Reichweite ist nicht der einzige Grund, der Snapchat für die Markenkommunikation besonders spannend macht: Hinzu kommt, dass die Nutzer des Dienstes aktuell sehr jung sind. Laut den Paneldaten des Global Web Index (GWI) ist knapp die Hälfte der User jünger als 24 Jahre. In Wirklichkeit dürfte der Altersschnitt sogar deutlich niedriger liegen, denn das Mindestalter für die Teilnahme an der GWI-Befragung liegt bei 16 Jahren. Werbungtreibende können sich bei der Erstellung ihrer Inhalte also beinahe ausschließlich auf diese Zielgruppe fokussieren.

Snapchat: Hoher Grad an Exklusivität

Für die Nutzer macht nicht zuletzt der hohe Grad an Exklusivität und Privatsphäre den besonderen Reiz von Snapchat aus. Erreicht wird dieser zum einen dadurch, dass Snapchat ein reines Mobile-Angebot ist. Hier gibt es keine Desktop-Version, jegliche Kommunikation findet ausschließlich über die Smartphone-App statt. Zum anderen ist es die Kurzlebigkeit der Inhalte, die viele schätzen: Im Kern der Anwendung stehen Fotos und Videos, die mit Freunden geteilt und nur einmalig für einen kurzen Zeitraum von wenigen Sekunden betrachtet werden können. Für junge Nutzer natürlich hochinteressant, denn so bleiben die Inhalte vor den neugierigen Blicken von Personen außerhalb des engsten Freundeskreises (beispielsweise der Eltern) versteckt.

Snapchat weiß sehr genau, dass diese Aspekte den Nutzern wichtig sind. Deshalb stehen auch bei der Vermarktung und Monetarisierung der Plattform eine möglichst geringe Störung der User-Experience und die Achtung der Privatsphäre im Mittelpunkt. Aktuell bietet Snapchat drei verschiedene Werbemöglichkeiten an, die derzeit allerdings noch nicht in Deutschland verfügbar sind: Bewegtbild-Anzeigen namens 3V Ads (für Vertical, Video, View), die Integration in Snapchat Discover, einen Bereich in der App, in dem hauptsächlich Medienmarken den Nutzern täglich neue redaktionelle Inhalte bereitstellen sowie sogenannte Sponsored Stickers und Lenses (Grafiken und Video-Effekte), welche die User auf ihre Fotos und Videos anwenden können.

3V Ads und Snapchat Discover

Bei den 3V Ads müssen sich Werbungtreibende an einige Regeln halten: Um die Privatsphäre der Nutzer zu schützen, sind die Targeting-Möglichkeiten auf Alter, Geschlecht und Location begrenzt. Darüber hinaus müssen die Videos zwingend im Hochformat vorliegen und für die Zielgruppe relevant und gut teilbar sein – mit den Worten von Snapchat: „immersive, curated content“. Die einfache Zweitverwertung von PreRoll Ads fällt damit aus.
Das Gleiche gilt für Snapchat Discover: Auch hier ist eine plattformspezifische Aufbereitung der Inhalte unverzichtbar. Wer auf Snapchat werben will, muss die Bedürfnisse der Zielgruppe in den Mittelpunkt stellen und sich an der mobilen Nutzungssituation sowie dem Stil der Plattform orientieren. Die Content-Produktion für Snapchat zwingt zum Umdenken – gefragt sind kurze, unterhaltsame Texte, Bilder und Videos sowie Inhalte, die das Engagement anregen. Und als wäre das noch nicht genug: Alle Inhalte sind außerdem nur 24 Stunden lang verfügbar, dann müssen die Marken-Channel neu befüllt werden.

Neues Werbeprodukt: Snapchat Lenses

Vor wenigen Wochen wurden außerdem die Sponsored Lenses als neues Werbeprodukt vorgestellt. Marken können den Usern gebrandete Grafiken, Animationen und Bildeffekte für die eigenen Fotos zur Verfügung stellen – zum Schnäppchenpreis von 450.000 US-Dollar für einen Tag, an besonderen Tagen wie Halloween für bis zu 750.000 US-Dollar.
Snapchat hat außerdem schon vor einigen Monaten mit Geofiltern experimentiert, die den Usern an bestimmten Locations spezielle Sticker für Bilder zugänglich machen. Startkunde McDonald’s kreierte dafür virtuelle Cheeseburger und Pommes Frites für Snapchat-Nutzer in den Restaurants.
Wann die offiziellen Werbemöglichkeiten auch deutschen Kunden zur Verfügung stehen, ist derzeit noch nicht absehbar. Sollte die Plattform hier weiter so schnell wachsen, wird es im Laufe des nächsten Jahres wohl soweit sein. Sinkende Preise oder weniger strenge Vorgaben an die kreativen Inhalte sind allerdings bis auf weiteres nicht zu erwarten, denn Snapchat ist sich seiner einzigartigen Position und der Attraktivität der eigenen Plattform absolut bewusst.

Kooperationen mit Prominenten für Snapchat

Bis es soweit ist, können Unternehmen natürlich auf eigene Faust die Initiative ergreifen – sei es durch eigene Brand-Accounts, die den Fans kreative Inhalte über die Kontaktliste zukommen lassen, oder über Kooperation mit Prominenten aus der Off- und Online-Welt, bei denen Marken als Sponsoren auftreten können. So lassen sich beispielsweise zahlreiche Youtuber ihre Reichweiten auf Snapchat ebenfalls gut bezahlen.
Auf den Punkt, unterhaltsam und maximal teilbar müssen die Inhalte aber auch hier zwingend sein. Der Ressourceneinsatz ist damit auf Kunden- und Agenturseite entsprechend hoch. Für eine erfolgreiche Umsetzung müssen beide Seiten ein hohes Maß an Engagement und Verständnis für die Plattform aufbringen.
Doch will man mit seiner Marke gerade ein junges Publikum erreichen, bietet Snapchat die idealen Voraussetzungen. Und gerade weil das Publikum so jung und die Inhalte kurzlebig sowie nicht komplett öffentlich sind, ist der Dienst als Experimentierfeld für neue Ideen und Inhalte deutlich attraktiver, als die etablierten Facebook-, Twitter- und Youtube-Accounts mit sechsstelligen Fan- und Followerzahlen. Einen Versuch ist es also allemal wert.

Dieser Artikel wurde auf internetworld.de veröffentlicht.