Alles nur Cannes, oder was? Während sich ca. 1.300km südlich die internationale Kreativ-Elite an der Croisette versammelte, zog es über 7.500 Teilnehmer aus der europäischen Tech- und Startup-Szene am 20. und 21. Juni nach Amsterdam zur Next Web Conference. Der Schwerpunkt? Einmal mehr KI – aber auch der verantwortungsvolle Umgang damit.

Welche Veränderungen bringt KI in verschiedensten Branchen? Wie kann sinnvolle Regulierung von KI aussehen? Wie kann sichergestellt werden, dass Desinformation und gefährliche Inhalte nicht den Diskurs auf den großen Social Plattformen zerstören? Wie begegnet man als Marke sinkendem Konsument:innen-Vertrauen? Was kommt nach dem Mobile Web und ist Spatial wirklich die Zukunft von Computing?

Nach der Innovation kommt das Nachdenken darüber, wie man damit umgeht. Und das ist gut so,sdo der Tenor auf der Next Web Conference in Amsterdam, die am Freitag ihre Pforten schloss. Die übergreifende Stimmung war geprägt von einem starken Bewusstsein für die transformative Kraft der Technologie, kombiniert mit einem tiefen Verantwortungsgefühl für ethische und nachhaltige Anwendungen.

Künstliche Intelligenz und Automatisierung

Doch erst mal gings um Effizienzen heben.  Im Fireside Chat mit Murad Ahmed, FT Technology News Editor bei der Financial Times beschrieb Booking.com CEO Glenn Fogel wie Reisevermittlung und Kundenservice künftig KI-gestützt funktionieren sollten. Die Vision: KI soll bei booking.com in Zukunft vor allem Kapazitätsprobleme im Kundenservice eliminieren und die Konsument:innen bestmöglich bei der Planung und Durchführung ihrer Reisen unterstützen. Der „Connected Trip“ soll traditionelle Reisebüros und verschiedenste Ansprechpartner bei Hotels, Airlines und Mietwagen-Vermittlern überflüssig machen, denn die KI regelt alles – auch im Falle von Verspätungen.

Vertrauen gewinnen durch verantwortungsvollen Datenschutz

Auch in der der Schönheitsindustrie gewinnt KI zunehmend an Bedeutung, insbesondere bei der Personalisierung von Produkten. Jane Lauder, Enkelin der ikonischen Estée Lauder und derzeit unter anderem Chief Data Officer der Estée Lauder Companies, hob dabei die immense Bedeutung von Vertrauen und Datenschutz hervor. Der Schutz von Kundendaten und die Sicherstellung der Privatsphäre seien von zentraler Bedeutung sind, um das Vertrauen der Verbraucher zu gewinnen und zu erhalten: „Vertrauen kann man nicht vortäuschen und nicht kaufen.“ Dieses Vertrauen ist das Fundament, auf dem erfolgreiche Kundenbeziehungen und langfristige Loyalität aufgebaut werden. In einer Zeit, in der Daten der Treibstoff für personalisierte Erlebnisse und Vertrauen das wertvollste Gut für Unternehmen sind, ist es unabdingbar, verantwortungsbewusst und kompromisslos sicher zu agieren. Ein sicherer Umgang mit Daten und transparente Datenschutzrichtlinien sind dafür elementar.

Ein Blick in die Welt des Cybercrime

Wohin zuwenig Datenschutz führen kann, zeigte Geoff White auf, Autor und investigativer Journalist, der über den weltweit schnellsten und größten Raubüberfall in der Geschichte des Cybercrime sprach. In nur 1 Minute 55 Sekunden hat es die Hackergruppe Lazarus 2022 durch einen gezielten Angriff auf Entwickler und Mitarbeiter geschafft, unglaubliche 625 Millionen Dollar Kryptowährung vom Ethereum-Netzwerk des beliebten Blockchain-Games Axie Infinity zu stehlen. Die Spur der gestohlenen Kryptowährung führte schnell zu Wallets, die mit Nordkorea in Verbindung standen, und endete bei Tornado Cash, einem dezentralisierten Krypto-Mixer zur Verschleierung von Blockchain-Transaktionen. Die komplexe Struktur und die fehlende Verantwortlichkeit innerhalb dieser DAO (dezentralisierte autonome Organisation) machte es jedoch schwer, die Täter zu fassen. Denn wer kann zur Rechenschaft gezogen werden, wenn es keine Verantwortlichen gibt und alles open-source Software ist? Und wie viel sind wir bereit zu geben (eine halbe Milliarde Dollar), um auch in der Krypto- und Tech-Welt unsere Privatsphäre und Redefreiheit zu bewahren?

Der menschliche Faktor in einer technologiedominierten Welt

In einer Zeit, in der Technologie unser tägliches Leben dominiert, bleibt eines von entscheidender Bedeutung: Der menschliche Faktor. Von der Gestaltung emotionaler Erlebnisse bis zur ethischen Entwicklung von KI, steht der Mensch weiterhin im Mittelpunkt. Laut CX Designer Raúl Amigo sind 90% unserer Interaktionen digital, doch die verbleibenden 10% menschliche Interaktion sind entscheidend für unsere Wahrnehmung. Amigo argumentiert, dass im Produkt-/Experience-Design die Bereiche Empathie, Verständnis und Storytelling die Schlüssel zum Erfolg sind. Die Perspektive des Kunden einnehmen, eigene Vorurteile beiseitezulegen, und echte Bedürfnisse zu erkennen, schafft tiefere emotionale Verbindungen als eine Maschine es je könnte.

Maschinen sind aber durchaus in der Lage, Kunst zu schaffen , sagt KI-Künstler Jeroen van der Most jedoch sei die kreative Kraft von Menschen unersetzlich und die menschlichen Geschichten hinter Visionen unverzichtbar. Van der Most zeigte auf, dass Kunst und Technologie zwar zusammenarbeiten können, aber es die menschliche Kreativität ist, die diese Werke wirklich zum Leben erweckt.

Selbstregulierung von Technologie

Es gibt eine große Diskrepanz zwischen guten Absichten und Business-Realität, das zeigten zwei Sessions rund um die Selbstregulierung von Technologie bei großen Tech-Plattformen.

Den Anfang machte Anna Koivuniemi von DeepMind, der zentralen Forschungseinheit rund um künstliche Intelligenz bei Google. Die Rolle von DeepMind innerhalb des Konzerns ist eine mächtige: von der Entwicklung von KI-Technologie, um globale gesellschaftliche Herausforderungen zu lösen, über Biotechnologie bis hin zu Wettermodellen.  Das jedoch  unter Einhaltung selbst auferlegter ethischer Grundsätze und losgelöst von ökonomischen Zwängen. Auf die kritische Nachfrage, ob Google bei der Markteinführung eigener KI-Anwendungen zu langsam agiere, vor allem im Vergleich zu Wettbewerbern wie OpenAI wiederholte Koivuniemi, dass Google Produkte erst veröffentliche, wenn sie bereit, sicher und gesellschaftlich zu verantworten seien Bestes Beispiel: Der Rollout von Google Gemini. Angesichts der zahlreichen Kontroversen rund um Gemini, Stichworte Bildgenerierung und halluzinierte Antworten in der Google Suche vielleicht nicht das beste Beispiel.

Dem Kampf gegen Hate Speech auf Metas Social Media Plattformen  hat sich Helle Throning-Schmidt, ehemalige Ministerpräsidentin von Dänemark und seit 2020 Co-Vorsitzende des Oversight-Boards von Meta verschrieben. Das unabhängige Gremium soll das Vorgehen gegen Hatespeech und Desinformation überwachen und unter anderem konkrete Handlungsempfehlungen rund um Content-Moderation und Plattform-Richtlinien geben. Throning-Schmidt zeigte sich durchaus zufrieden mit den bisherigen Fortschritten von Meta und der Implementierung der Empfehlungen und Entscheidungen aus dem Board, immer noch aber läge ein weiter Weg vor Meta, vor allem hinsichtlich der globalen Bedeutung der Plattformen im gesellschaftlichen Diskurs, etwa mit Blick auf Wahlen.

Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung als Unternehmenswerte

Doch nicht nur im Bereich der KI und Social Media muss über Ethik und Nachhaltigkeit gesprochen werden. Ein herausragendes Beispiel für die Verknüpfung von Innovation und Verantwortung lieferte Sadira E. Furlow von Tony’s Chocolonely. Die in den Niederlanden beheimatete Schokoladen-Marke ist bekannt für provokative und aufmerksamkeitsstarken Kommunikation, die nicht nur das Bewusstsein für soziale Ungerechtigkeit in der Schokoladenproduktion schärfen soll, sondern auch andere dazu ermutigt, sich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Man müsse laut und mutig sein, fordert Furlow, um Veränderung herbeizuführen. Ihr Tipp? Partnerschaften mit anderen Brands bilden, um eine größere Wirkung zu erzielen.

Auch Vinted will die Welt ein Stück besser machen:  Die Plattform fördert die den Kauf und Verkauf von Secondhand-Kleidung, um die schnelllebige Modeindustrie nachhaltiger zu gestalten. Wichtigstes Ziel: Mehrwert für die Nutzer zu schaffen und gleichzeitig die Umweltauswirkungen zu reduzieren, wie der CEO Thomas Plantenga betont. Dabei kritisierte er die europäischen Regulierungen, die es beispielsweise billiger machen, Waren aus China zu importieren als innerhalb Europas zu versenden, und forderte eine Anpassung der Vorschriften, um Innovation und Nachhaltigkeit auch in Europa zu fördern.

Fazit

Die Next Web 2024 machte deutlich: Innovation und Verantwortung müssen Hand in Hand gehen, um eine nachhaltige und ethische Zukunft zu gestalten. Vertrauen, Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung sind der Schlüssel, um nicht nur die Marken zu stärken und Kundenloyalität zu fördern, sondern auch einen positiven Unterschied in der Welt zu machen.

Mediaplus Innovationsteam Simone Jocham und Alex Turtschan

Dieser Artikel erschien zuerst auf Horizont

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