Der Galerist Johann König über die digitale Transformation der Kunstbranche, die Bedeutung von persönlichen Erlebnissen und die Anziehungskraft von Kunst auf junge Zielgruppen. Ein Interview mit Eva Simone Lihotzky.

EVA SIMONE LIHOTZKY: Johann, Sie werden als einer der führenden Galeristen in Deutschland gehandelt. In den letzten Monaten haben Sie einige Digitalformate auf- und umgesetzt, zum Beispiel gemeinsam mit Anika Meier die Ausstellung „The Artist Is Online“. Die internationale Gruppenausstellung war offline in der KÖNIG GALERIE zu sehen und online in Decentraland, einer virtuellen Welt, die auf der Blockchain basiert. Welche Erfahrungen haben Sie mit solchen Formaten gemacht?

JOHANN KÖNIG: Wir initiieren viele dieser digitalen Angebote auf www.misa.art, um erreichbar zu sein, Barrierefreiheiten zu schaffen und Schwellen abzubauen. So gab es in Decentraland, einer auf der Blockchain-Technologie basierenden, virtuellen Welt, eine Online-Ausstellung, die wir mit einer Online-Auktion beendet haben. Dabei mussten wir allerdings feststellen, dass der Zugang dazu sehr schwierig ist, und Sammler:innen nicht einfach so ein NFT kaufen konnten – der dahinterstehende Vorgang war zu komplex (Non-Fungible Token, kurz NFTs, sind fälschungssichere Zertifikate, die auf einer Blockchain hinterlegt werden, und durch die digitale Kunstwerke zu Unikaten werden. Anm. d. Red.). Deshalb haben wir nun einen eigenen Marktplatz aufgebaut, der es erlaubt, mit Kreditkarte und Banküberweisungen zu bezahlen. So wird der Markt zugänglicher.

Denken Sie, dass der Kunstwelt zukünftig solche digitalen Plattformen erhalten bleiben, oder handelt es sich dabei nur um einen Hype?

JK: Nein, das bleibt ganz sicher. Was zusätzlich interessant ist, sind die daraus entstehenden technologischen Möglichkeiten. Deshalb planen wir auch auf www.misa.art das Anbieten von fraktionalisierten Kunstwerken, um nur Anteile eines Kunstwerks kaufen zu können. Wir glauben, dass wir dadurch viel mehr Leute in die Kunst reinholen können und eine stärkere Identifikation mit dem Markt erreichen. 

In einem anderen Interview bezeichnen Sie es als eine große Aufgabe der Kunstwelt, die Kunst erlebbarer zu machen. In der Wirtschaftswelt würde dies unter den Begriff „Customer Centricity“ fallen. Was muss die Kunstbranche machen, um kundenzentrierter zu denken?

JK: Um das zu beantworten, habe ich mich gefragt, „Warum kaufen Leute keine Kunst beziehungsweise welche Einwände gibt es, keine Kunst zu kaufen?“ Diese Einwände haben wir dann versucht, Stück für Stück zu identifizieren und zu eliminieren. Meistens liegt es daran, dass man den Preis nicht kennt, den angebotenen Preis nicht einschätzen kann oder – ganz trivial ­– den Preis für den Transport des Kunstwerks zu sich nach Hause nicht weiß. Das haben wir alles über eine Software gelöst und zusammengebracht.

Immersive Art Experiences sind eine Kunstform, die den einzelnen Betrachter stark in den Mittelpunkt stellt, wie es etwa der türkisch-amerikanische Künstler Refik Anadol mit seinen Kunstwerken erreicht. Was macht die Arbeit solcher Künstler:innen so besonders?

JK: Zuerst mal glaube ich, dass Kunst immer ein ganzheitliches Erlebnis ist. Und dass man sie immer spüren muss – nicht nur sehen. Wenn man Refik Anadols Kunstwerke anschaut, ist man wie hypnotisiert: Sie sind immer in Bewegung und durch KI immer neu. Deshalb ist es wie eine Art Meditations-Performance. Er hat es geschafft, Ästhetik und Konzept zusammenzubringen.

Stellen Besucher einer Immersive Art Ausstellung einen anderen Bezug zur Kunst her als es bei traditionellen Ausstellungen der Fall ist?

JK: Für mich ist es wichtig, dass alle Ausstellungen der KÖNIG GALERIE Immersive Experiences sind – so können wir in einem Raum einen anderen Erfahrungsraum aufmachen, als man ihn sonst erleben könnte. Denn nur, wenn man seinen Besucher:innen eine Experience bietet, die sie nicht kaufen können, bleibt man nachhaltig in Erinnerung. Gleichzeitig glaube ich, dass das Erlebnis als solches immer wichtiger wird. Und es in Zeiten von Social Media eine große Bedeutung hat, die Erlebnisse mit anderen zu teilen, um sie dadurch dann umgekehrt aber auch umso stärker selbst erleben zu wollen, zu müssen und zu können.

Wird es Ihrer Meinung nach in Zukunft zunehmend Kooperationen zwischen Wirtschaftsunternehmen und Künstlern geben – um eben genau solche Erlebnisse zu schaffen?

JK: Wir übernehmen in diesem Bereich gerade immer mehr Aufträge, denn wir stellen fest, dass Unternehmen beziehungsweise Marken sich damit nicht auskennen, den Kunstmarkt nicht verstehen und nicht wissen, welche relevanten Positionen es für gewisse Zielgruppen gibt. Wir hingegen haben hier eine Expertise und wissen, was die richtige künstlerische Position für welches Unternehmen ist. Das ist auf alle Fälle etwas, wo wir uns jenseits der Galeriearbeit immer stärker positionieren. Dabei schauen wir uns die Unternehmen an, wofür sie stehen, welche Ziele sie mit der künstlerischen Kooperation verfolgen, welche Zielgruppe erreicht werden soll. Das analysieren wir auch datenbasiert, um dann auf dieser Grundlage die passende Position für das passende Unternehmen zu finden.

Und Ihre Erkenntnisse bringen Sie dann wiederum mit den Künstlern zusammen, um Erfahrungen zu schaffen, die den Endkonsumenten der Unternehmen nachhaltig bewegen?

JK: Das ist ein Mix. Es muss auf die Marke einzahlen und gegebenenfalls auch verkaufen, und es hat natürlich auch immer den Zweck, etwas zu ermöglichen. Aber wir stellen auch fest, dass aufgrund der Faszination von Kunst für eine jüngere Generation beziehungsweise eine breitere Gruppe sich immer mehr Unternehmen mit dem Thema Kunst befassen.

Wieso spielt ausgerechnet bei jüngeren Generationen Kunst eine so große Rolle?

JK: Weil die eigene Kreativität eine größere Rolle spielt, und weil Kunst sowie die eigenen Kunstvorlieben und Nischen durch das Internet und Social Media jetzt viel erreichbarer sind als früher.

Und Sie glauben, wenn Unternehmen sich durch unterschiedliche Kunstkooperationen differenzieren, auch die Aufmerksamkeit der jüngeren Generationen stärker auf sie gelenkt werden könnte?

JK: Zu 100%!

Vielen Dank, Johann, für das Gespräch!

Dieses Interview erschien zuerst in TWELVE, dem Magazin der Serviceplan Group für Marken, Medien und Kommunikation. Weitere spannende Artikel, Essays und Interviews von und mit prominenten Gastautor:innen und renommierten Expert:innen lesen Sie in der achten Ausgabe unter dem Leitthema „A Human-driven Future: Wie der Mensch das digitale Morgen prägt“. Zum E-Paper geht es hier.

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