Was das sprachgesteuerte Internet für die Zukunft des Digitalmarketings bereithält

Das bildschirmlose Internet: Eine aufregende Vision für die Zukunft

Ende 2016 veröffentlichte Gartner seine aufregende Zukunftsprognose, der zufolge bis 2020 beeindruckende 30 % aller Browser-Sitzungen ganz ohne Bildschirm auskommen werden. Als Haupttreiber dieser bildschirmlosen neuen Welt sieht Gartner junge, technologisch versierte Zielgruppen, die voll auf digitale Assistenten wie Siri, den Google Assistant für mobile Geräte, Cortana von Microsoft oder Echo von Amazon setzen.

Mitte 2018 klingen 30 % vielleicht noch zu hoch gegriffen, aber die Vision eines bildschirmlosen Internets wird täglich realistischer. In den USA überholt die Annahmequote von Smart Speakern nur drei Jahre nach ihrer Einführung bereits die von Smartphones. Doch am spannendsten ist vermutlich, dass nicht nur die jungen „early adopter“ diesen Erfolg möglich machen, sondern auch Eltern und Familien. Die nahtlose, natürliche Interaktion mit Technologie durch Spracherkennung macht digitale Dienstleistungen für zahllose Verbraucher deutlich attraktiver.

Sprachassistenten sind jetzt überall

Nicht nur stationäre Smart Speaker verbreiten sich immer weiter und werden täglich besser: Jedes marktrelevante Smartphone hat jetzt einen eigenen digitalen Assistenten und die Verbraucher können außerdem über Spracherkennung mit ihren Fernsehern und Autos kommunizieren. Die großen Akteure im Tech-Bereich investieren massiv in diesen Zukunftsmarkt. In wenigen Jahren wird jedes elektronische Gerät, das wir zu Hause nutzen, mit uns herum- oder am Körper tragen, mit Spracherkennung ausgestattet sein.

Haben wir den Gipfel der Smartphone-Welle also endlich hinter uns und können endlich wieder als freie Menschen durch die Welt gehen, ohne uns hinter unseren Handys zu verstecken? So schnell nun doch wieder nicht.

Viele digitale Assistenten haben immer noch ein ganz bestimmtes Problem, und seien wir ehrlich – bisher sind sie eher einfältig als „smart“.

Die computergesteuerte Spracherkennung hat durch die Fortschritte in den Bereichen künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen menschliche Präzision erreicht. Doch nur weil die Maschinen uns nun perfekt verstehen, sind sie noch lange nicht in der Lage, uns eine sinnvolle Antwort zu geben. Zahllose Sprach-Apps und -Dienste sind nach wie vor kaum zu gebrauchen. Es ist gar nicht so einfach, bessere Sprach-Dienste zu schaffen und adäquat mit Verbrauchern zu kommunizieren. Das gilt besonders im Marketing.

„Peak mobile“ und „voice first“ – das neue Marketing-Mantra

Seit der Markteinführung des ersten iPhones im Jahr 2007 und der darauf folgenden Smartphone-Lawine hörte man im Marketing überall: „Mobile first“. Jeden Service und jeden Touchpoint von einem Desktop-Computer aus auf einen kleineren Bildschirm zu übertragen und sich nebenbei auf eine völlig neue Nutzungsweise einzustellen, war eine echte Herausforderung. Denn zehn Jahre später tun sich viele Unternehmen immer noch mit bestimmten Aspekten der mobilen Revolution schwer.

Die wachsende Beliebtheit von Videowerbung im Netz half sicherlich, viele Probleme der klassischen Werbung zu lindern. Ein Pre-Roll Ad erhält auf einem Smartphone-Bildschirm schließlich mindestens so viel Aufmerksamkeit wie in einem Browser. Wir lernten, das App-, Website- und Shop-Design an die mobile Anwendung anzupassen und dabei die Komplexität zu straffen und lenkten die Benutzererfahrung in ein neues Ökosystem um. All das ließ sich aber meist bewerkstelligen, indem wir die visuellen Assets unserer Marken und Dienstleistungen verkleinerten und an den Touchscreen anpassten.

Markenaufbau in einer digitalen Welt ohne Bildschirme

Die Spracherkennung lässt all diese Mühen klein aussehen. Wir müssen einen ganz neuen Weg finden, mit unseren Verbrauchern zu sprechen. Wortwörtlich. Und zwar dieses Mal ohne die Stützräder unserer vertrauten visuellen Assets. Auf der diesjährigen SXSW hielt Chris Ferrel von der Richards Group eine großartige Rede hierzu. Eine seiner Botschaften hat mich seitdem nicht mehr losgelassen: Beim visuellen Web ging es darum, wie deine Marke aussieht. Beim sprachgesteuerten Web geht es darum, wie die Welt für deine Marke aussieht.

Die Radiowerbung der letzten Jahrzehnte versuchte nur noch, die Menschen in die Geschäfte zu treiben. Laut, unangenehm und nervtötend – die Menschen sollten es erträglicher finden, sich geschlagen zu geben und auf dem Heimweg in den Laden zu gehen, als noch einen einzigen dieser Radiospots zu hören.

Das bildschirmlose Internet könnte uns eine Renaissance der lange verlorenen Kunst des Audio Brandings bescheren. Ein großer Teil der Podcast-Werbung geht bereits in diese Richtung, lebt dort aber zumeist von den Persönlichkeiten der Moderatoren. Oberste Priorität sollte es daher sein, Marken mit derselben Aura auszustatten, die diese Persönlichkeiten ausstrahlen.

Herausforderungen sprachgesteuerter Suchfunktionen und Verkaufstätigkeiten

Neue Suchmuster durch Spracherkennung werden ebenfalls entscheidend sein. Textsuchen sind meist kurz und präzise und bestehen aus einem bis drei Wörtern. Mit sprachgesteuerten Anwendungen werden die Suchanfragen länger und folgen natürlicheren Sprachmustern. Keyword-Werbung und SEO werden sich dem anpassen müssen.

Im Bereich sprachgesteuerter Verkaufstätigkeiten tun sich ebenfalls ein paar interessante Fragestellungen auf. Wie verkauft man ein Produkt, das der Kunde nicht sehen kann? Dieses Problem dürfte leichter zu lösen sein als ursprünglich gedacht. „Alexa, bestelle mir Küchentücher“ ist ein ziemlich klarer Auftrag und Amazon kennt bereits meine Lieblingsmarke. Hier wird es entscheidend sein, bestehende Kundendaten zu nutzen und auf den großen Marktplätzen aktiv zu sein, zumindest für FMCG-Marken.

Doch wie dringt man an den maßgeblichen Stellen zu den Verbrauchern vor? Und was ist mit Marktsektoren wie Mode, die stark mit visuellen Reizen arbeiten? Alle Marketing-Touchpoints müssen eng verzahnt werden und die sprachgesteuerten Kanäle dürfen nicht von der übrigen Markenkommunikation getrennt werden. Natürlich werden sprachgesteuerte Kanäle nicht sämtliche anderen Marketing-Kanäle ersetzen. Sie könnten aber durchaus zur ersten Anlaufstelle für Verbraucher werden, da sie allgegenwärtig und nahtlos in unser Leben integriert sein werden. Es wird darauf ankommen, in der übergreifenden Markenstrategie die passende Rolle für die Sprachsteuerung zu finden.

Die Grauzonen der technologischen Evolution

Die vielleicht größte Herausforderung in dieser „schönen neuen Welt“ des sprachgesteuerten Marketings liegt darin, dass unsere vernetzte Welt gar nicht so vernetzt ist, wie wir es gerne hätten. Der Markt für Sprachassistenten ist stark fragmentiert, vor allem aber wirken die Geräte in scharf voneinander abgegrenzten Umgebungen. Wer auf intelligente Haustechnik mit kompatiblen Geräten setzt, kann seinem digitalen Assistenten auftragen, das Licht in der Küche anzumachen und die PlayStation zu starten. Eine vermeintlich einfache Aufgabe wie „Siri, zeig‘ mir auf dem Fernseher im Schlafzimmer coole Sommerjacken von H&M“ erweist sich dagegen in der Praxis als sehr viel schwerer umsetzbar.

Aktuell müssen häufig noch die User als Schnittstelle zwischen Sprachassistenten und den anderen Gadgets in ihrem Zuhause fungieren. Das bildschirmlose Internet ist nicht die Vollendung der technologischen Evolution, sondern vielmehr eine unvermeidliche Konsequenz aufeinander folgender Entwicklungsschritte. Vorerst müssen wir mit dieser eigenartigen, unvollendeten Version einer vernetzten Welt vorlieb nehmen und hoffen, dass die Technologie einen weiteren Sprung in die wahre Vernetzung macht. Finden wir also die Stimmen unserer Marken, bevor diese uns ihre vollendete vernetzte Persönlichkeit vorstellen können.

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