Generation Großraum

Wie sieht heute ein optimales Arbeitsumfeld für Kreative aus? Benedikt Göttert liefert inspirierende Einblicke in seinen Arbeitsalltag im neuen Haus der Kommunikation in Berlin.

Mein erster Arbeitsplatz war laut, eng, hektisch und er dampfte. Das war Mitte der 90er-Jahre in einer Villa in Warschau. Es war mein erster Job in einer Werbeagentur, und ich dachte, es sei normal, dass es zugeht wie in einem Theaterstück: Man schrie, schimpfte, rauchte und kochte Tee (letzteres bevorzugt auf meinem Schreibtisch). Zwischendurch kamen Kunden, die Instantkaffee tranken, zu Präsentationspappen nickten und Deadlines verkürzten. Da die Branche neu war, gab es in den großen Agenturen genügend Jobs für Maler, Dichter, Lebenskünstler, Kneipenpoeten, Umschüler, Expats und Germanistikstudenten aus Deutschland, also auch für Typen wie mich. Über Co-Working Spaces, agiles Projektmanagement, Liquid Leadership, die Generation Y und Mobile Office Days redete damals noch keiner. Unter dem Arbeitsplatz der Zukunft verstand man ein Eckbüro mit Internetanschluss und Kaffee mit Milchschaum.

Der Arbeitsplatz der Zukunft von heute dagegen ist mobil, digital, flexibel und wahrscheinlich gerade besetzt. Wenn man – wie zahlreiche Studien belegen – davon ausgeht, dass wir in ein paar Jahren keinen festen Arbeitsplatz mehr haben, sondern uns morgens einen freien Tisch suchen, dann haben die, die gern später ins Büro kommen, das Nachsehen. Das gilt natürlich besonders für ehemalige Germanistikstudenten. Bis es so weit ist, schlage ich vor, dass wir uns am Arbeitsplatz der Gegenwart erfreuen – inspirierende Nachbarschaft, erhöhte Produktivität und integriertes Biertrinken inklusive.

Was wir konkret unter einem modernen Arbeitsumfeld verstehen, zeigen wir in unserem neuen Haus der Kommunikation in Berlin. Im Januar dieses Jahres sind wir mit allen Agenturen der Serviceplan Gruppe am Berliner Standort in ein großes Haus gezogen. Genauer gesagt in das Bauhaus in Berlin-Mitte, in dem einst die Frauenklinik der Charité untergebracht war. Heute arbeiten hier mehr als
150 Kolleginnen und Kollegen für Serviceplan Public Opinion, Serviceplan Corporate Reputation, Serviceplan Campaign, Serviceplan Content, Mediaplus, Plan.Net, Saint Elmo’s, Aimaq von Lobenstein, hmmh sowie die Steinbeis-Hochschule, mit der wir einen gemeinsamen Master-Studiengang anbieten. Es gibt unzählige Berufsbilder in unserem Haus und wahrscheinlich sogar Jobs, für die wir noch gar keinen Namen haben. Die Philosophie des Hauses der Kommunikation ist dabei einfach: Wir wollen all diese Expertisen, Erfahrungen und Zugänge miteinander verbinden, uns gegenseitig inspirieren und Grenzen zwischen Firmen, Gewerken oder Technologien auflösen.

Wie das funktioniert, kann man an mehreren Stellen sehen und erleben: Wir sitzen
z. B., wie wir arbeiten: integriert – und manchmal auch wild durcheinander. Bei uns sitzen Texter neben Content Managern, Art Directors neben Backend-Entwicklern, Redakteure neben Projektmanagern und Nachhaltigkeitsexperten neben Strategen, Social-Media-Spezialisten und PR-Beratern. Die klassische Trennung zwischen Kreativen und Beratern versteht hier keiner mehr. Deshalb arbeiten wir auch bewusst in Büros, die aussehen wie Großraumbüros – nur schöner. Flure, in denen immer noch zwei Krankenhausbetten aneinander vorbei passen würden, führen zu sichtgeschützten Schreibtischen, deren Höhe sich auf Knopfdruck verstellen lässt. Was an den meisten Plätzen tatsächlich mehrmals täglich zelebriert wird. Der eine fängt morgens im Stehen an und setzt sich nach dem Mittagessen hin, beim Nächsten ist es genau umgekehrt. Ein spezieller Teppichboden sowie sogenannte Sauerkrautplatten an der Decke sorgen für eine bessere Akustik, einen leichten Industriecharme sowie zufriedene Controller. Zum Ausdenken und für Meetings stehen Rückzugsräume, ein War Room und Gemeinschaftsflächen zur Verfügung. Und im schönsten Raum des Hauses findet sich nicht etwa der Kundenkonfi, sondern die Sonderbeauftragte für Vernetzung, Austausch und Integration: also unsere Kaffeemaschine. Genau wie auf Veranstaltungen finden die wichtigen Gespräche in den Pausen statt, bei einem Kaffee, einem Glas Wasser oder auch einer Zigarette.

Wir haben uns bewusst dazu entschieden, den schönsten auch zum belebtesten Ort des Hauses zu machen. Was früher als Ruheraum für Mütter nach der Geburt mit Blick auf die Spree und die Museumsinsel diente, ist heute Cafeteria, Frühstücksraum, Lunch-Ecke, Küche und Partyfläche. Von dort gelangt man auch auf die HdK-obligatorische Dachterrasse, wo wir nicht nur häufig grillen, sondern nach Feierabend auch ein Bier zusammen trinken. Dazu laden wir sogar manchmal Kunden ein.

Ein wichtiger Faktor ist auch, dass Berlin nicht Kassel ist. Das erkennt man an den Leuten im Haus, aber auch an der Nachbarschaft. Ende des 19. Jahrhunderts stand unser Haus im Epizentrum der Kommunikation und Innovation. Direkt neben uns befanden sich das Telegrafenamt, das Fernmeldeamt, das Postfuhramt und – als absolutes Highlight – die zentrale Rohrpoststelle. Heute bilden Google, YouTube, Delivery Hero sowie zahlreiche Galerien und Start-ups als direkte Nachbarn des Hauses der Kommunikation mit uns ein kreatives Umfeld. Auch die Nähe zur Gründer-Community der Factory (inhaltlich wie geografisch) ist für uns wichtig. Und weil in Berlin auch Kunst und Geschichte faszinieren, bekommt jeder Mitarbeiter bei uns eine Jahreskarte für die Berliner Museen. So lohnt es sich, auch für eine Mittagspause oder ein Brainstorming ins Bode-Museum zu gehen, ohne sich anstellen oder bezahlen zu müssen.

Es soll Agenturen geben, in denen ein Firmenparkplatz als Statussymbol gilt. Wir verfügen über keinen einzigen Parkplatz, und es hat auch noch nie eine Kollegin oder ein Kollege nach einem gefragt. Als allerdings noch nicht klar war, ob wir unsere Fahrräder in den abgeschlossenen Innenhof stellen dürfen, drohten kurzzeitig Tumulte.

Intelligente Arbeitsräume bieten variable Möglichkeiten für Selbstentfaltung, Rückzug und Zusammenarbeit im Team – und spiegeln damit die fluider werdenden Organisationsstrukturen und Arbeitsprozesse sowie die Ich- und Wir-Werte der jungen Generationen wider. Also genau die Ansprüche, die Kunden und Mitarbeiter heute an kreative Agenturen stellen. Und wenn wir schon ein Drittel unseres Tages im Büro verbringen – in Agenturen, so munkelt man, sei es bisweilen sogar mehr – dann schadet es nicht, wenn dieses Büro architektonisch inspiriert, frisches Obst anbietet und jede Menge Kolleginnen und Kollegen beheimatet, die etwas ganz anderes machen, aber dasselbe Ziel verfolgen: innovative Kommunikation für unsere Kunden.

Letztendlich geht es bei uns darum, wie wir auf einzigartige Ideen kommen. Wer seine besten Einfälle unter der Dusche hat, kann bei uns sogar duschen. Ich selbst habe meine besten Ideen am Schreibtisch. Und wenn mir nichts einfällt, lass ich ihn einfach ein paarmal hoch- und runterfahren oder hole mir einen Kaffee mit Milchschaum. Da treffe ich bestimmt jemanden, der einen Einfall hat.

Illustrationen: André Gottschalk

Benedikt Göttert

Managing Partner Haus der Kommunikation Berlin

Vielfach ausgezeichnet verantwortet der studierte Historiker seit 2007 als Chef des Berliner Hauses der Kommunikation die kreative Performance von Werbung, PR, Content, Online-Maßnahmen und integrierten Kampagnen – für Kunden wie den Deutschen Anwaltverein, die Deutsche Bahn, die AOK, verschiedene Ministerien sowie für Verbände und öffentliche Institutionen. Benedikt hat schon für Bundesländer, Steuervereinfachungen, öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die Aktivierung von Erstwählern, die Vorzüge von IPv6, die Abschaffung der kalten Progression und für Streichwurst geworben. Eines seiner kreativen Highlights: der internationale Viral-Hit zum Thema Eheverträge. Er selbst ist seit elf Jahren ohne Ehevertrag verheiratet. Seine Leidenschaft für Schwarz-Weiß-Fotografie lebt Benedikt mit Fotobänden von Nikos Economopoulos, Josef Koudelka und Henri Cartier-Bresson aus – und mit seiner eigenen Kamera.

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