Sterben als Event – Die Wahl der Formate als kreative Herausforderung bei einem heiklen Thema

Strandurlaub, Parfüm, Eiscreme oder Sportauto – es gibt Produkte, deren Abbildung allein schon werbewirksam ist. Eine raffinierte Inszenierung macht es dann einzigartig, eine intelligente mediale Aussteuerung sorgt dafür, dass man sieht, wo man ohnehin gerne hinguckt. Aber was ist mit Unfallversicherungen, die ihren Nutzen erst im Schadenfall entfalten, in jedem Fall aber Geld kosten? Und was ist mit Sterbehilfe?

Ich habe mich gemeinsam mit meinen Kollegen von Mediaplus und Plan.Net Campaign bei der Vermarktung meines Buches „HEAVEN’S GATE“ dieser Herausforderung gestellt. In dem satirischen Roman geht es um einen Eventunternehmer, der den Bau eines Sterbehilfezentrums plant: Ein Wellnesstempel für „selbstbestimmtes Ableben“. Hier wird das Ende des Lebens als dessen Höhepunkt gefeiert. Professionell organisiert als eine nach ISO 9000 zertifizierte Qualitätsdienstleistung. Das Buch wagt, die Geschichte einer Gesellschaft fortzuschreiben, deren Menschen zwar immer älter, aber auch immer hinfälliger werden und denen der Sinn ihres Daseins abhandengekommen ist, angesichts des allgegenwärtigen Leistungs- und Wohlfühldrucks.

Wie also kann man ein eher unpopuläres Thema kreativ in Szene setzen und Aufmerksamkeit generieren? Kunst kann und muss, was Werbung nicht so gut kann und oft nicht darf: Themen ansprechen, die zwar hochrelevant, aber nicht gerade sexy sind. Wobei der Tod, attraktiv in einem Krimi verpackt, durchaus reizvoll zu sein scheint: Jeder erwachsene Fernsehzuschauer war schon freiwillig Augenzeuge mehrerer zigtausend Fernsehmorde, gerne konsumiert in Genusseinheit mit Chips und Bier. Aber die wenigsten von uns haben schon mal einen Sterbenden betreut oder auch nur gesehen.

Im Reich der künstlerischen Freiheit sind fiktive Planspiele, die nicht weniger als das Leben selbst zum Gegenstand haben und Unaussprechliches in den Rang des Möglichen erheben, gut aufgehoben, da sind sich alle einig. Und genau diese Illusion erzeugte die Kampagne, indem sie sich literaturferner Formate bediente, um für Thema und Buch noch mehr Aufmerksamkeit zu erzielen: Wir ließen an einer vielbefahrenen Straße in einem Wohngebiet in Dresden eine Bautafel aufstellen: „Hier entsteht das erste Zentrum für selbstbestimmtes Ableben in Deutschland.“ Eine unwahre Behauptung, mit der bewusst die Grenzen des so genannten guten Geschmacks strapaziert werden. Und damit nicht genug: Wer die auf der Bautafel angegebene Website besuchte, sah dort einen professionell produzierten Imagefilm des Sterbehilfeunternehmens. In Wahrnehmung ihres Auftrags, über Ereignisse von herausragendem öffentlichen Interesse adäquat zu berichten, ließ es sich die Sächsische Zeitung nicht nehmen, die Bautafel als Aufmacher auf ihrer Homepage zu platzieren.

Bautafel und Website mit Imagefilm sind der seltene Fall eines Hybrids aus Kunst, die auch als Kampagne taugt. Mediaplus und Plan.Net erzielten für die Inszenierung und Platzierung Silber beim angesehenen Crystal Award in der Kategorie Media Execution.

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