Warum der Weltfußballverband eigentlich gar keine Krisenkommunikation braucht

Man stelle sich vor, bei Adidas, Coca-Cola oder der Kreditkartenfirma Visa würde das Headquarter von der Staatsanwaltschaft durchsucht und eine ganze Reihe von Spitzenmanagern verhaftet. Wegen des Verdachts der Erpressung, wegen Geldwäsche, Betrug und Bestechlichkeit. Nehmen wir weiter an, es ginge um den Vorwurf organisierter Kriminalität über mehrere Jahrzehnte, um mehr als 100 Millionen Euro Bestechungsgeld und den Beschuldigten würden Gefängnisstrafen von bis zu 20 Jahren drohen. Wie würde die Krisen PR bei diesen Unternehmen aussehen? Ganz konkret: Wer würde angesichts der Schwere der Vorwürfe vor die Kameras treten? Und mit welcher Botschaft? Im Falle des Fußballweltverbandes Fifa jedenfalls trat ein schlecht gelaunter Kommunikationschef vor die Presse. Seine Hauptbotschaft: „Wir fahren mit unserer Agenda fort“, die Fußballweltmeisterschaften 2018 und 2022 würden wie geplant in Russland und Katar gespielt werden.

Normal ist Krise Chefsache – aber ist die Fifa normal?

Bei Adidas, Coca-Cola, Visa –  den Hauptsponsoren der Fifa – und wahrscheinlich jedem anderen gut geführten Unternehmen wäre angesichts der Größe der Krise der oberste Chef persönlich vor die Medien getreten. Und hätte die Verantwortung übernommen, Bedauern ausgedrückt, Konsequenzen angekündigt und gesagt, man werde alles daran setzen, dass Derartiges nie wieder geschehen könne. Und hätte angekündigt, dass man untersuchen werde, ob die hochkriminellen Vorfälle – wenn sie denn wirklich geschehen seien – zu Fehlentscheidungen geführt hätten. Nicht so bei Sepp Blatters Fifa. Der ist wichtig zu verkünden, alles bleibe wie es ist – Verdacht auf organisierte Kriminalität und Korruption hin oder her. Man versucht, die Riesenaffäre klein zu reden. Ach ja, Gründe für einen Rücktritt sehe Präsident Sepp Blatter übrigens nicht, lässt er seinen Pressechef ausrichten. Schließlich richte sich der Verdacht ja nicht gegen ihn. Der Gedanke, dass er als Präsident der Organisation Verantwortung dafür trägt, was dort passiert, scheint ihm fremd zu sein. Immerhin hat Blatter die Fifa in 34 Jahren als Generalsekretär und Präsident geprägt wie kein anderer. Jenseits dessen wäre allein die Art des Umgangs mit den ungeheuren Vorwürfen schon Grund genug für einen Rücktritt.

Papst Franziskus und der Fußball

Aber die Fifa ist eben kein Unternehmen wie Adidas, Coca-Cola oder Visa. Sie ist ein Verband. Ein Verband, der ziemlich einzigartig ist. Ein Verband, der in Sachen Image und Popularität ungefähr mit der Mafia auf Augenhöhe sein dürfte. Und ein Verband, dessen Strukturen und Funktionsweisen am ehesten mit denen der katholischen Kirchen vergleichbar sind. Und da beginnt das Problem mit der Krisenkommunikation. Denn erfolgreiche Krisenkommunikation basiert auf Transparenz. Aus nachvollziehbaren Gründen schätzt die Mafia keine Transparenz. Daher sind bei ihr der Revolver und die Schrotflinte die wichtigsten Instrumente der Kommunikation in Krisenzeiten. Bei der katholischen Kirche hat sich dagegen das Ignorieren und Aussitzen von brisanten Themen seit Jahrhunderten von Jahren bewährt. Aber irgendwann funktioniert auch das nicht mehr. Insofern bleibt mehr als die Hoffnung, dass die Sponsoren die Fifa unter Druck setzen und zu einer besseren, transparenteren und faireren Organisation machen. Es bleibt nämlich auch  der fromme Wunsch, dass irgendwann ein Franziskus an der Spitze der Fifa stehen wird, der ihr Demut und vieles andere mehr beibringt. Ein Franziskus der Missstände offen anspricht und der die Sache selbst in den Mittelpunkt stellt und nicht den eigenen Apparat. Übrigens: Papst Franziskus ist seit seiner Bischofszeit Ehrenmitglied des argentinischen Fußball-Erstligisten CA San Lorenzo de Almagro und seit 2014 auch des TSV 1860 München.

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